Myasthenie

Nipocalimab

Indikation

Nipocalimab (Imaavy®) ist ein humanisierter monoklonaler IgG1-Antikörper, der über die Bindung an den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn) wirkt. Der FcRn steht damit nicht mehr für das physiologische intrazelluläre Recycling von Immunglobulin G (IgG) zur Verfügung. In der Folge werden alle IgG-Moleküle, einschließlich pathologischer Autoantikörper wie der gegen den Acetylcholinrezeptor (AChR) und die muskelspezifische Rezeptor-Tyrosinkinase (MuSK) gerichteten Antikörper, vermehrt lysosomal abgebaut und deren Serumkonzentration reduziert.

Die klinische Wirksamkeit und Sicherheit von Nipocalimab wurden in der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-III-Studie VIVACITY-MG3 bei Patienten mit seropositiver generalisierter Myasthenia gravis (gMG) untersucht. Der primäre Studienendpunkt – eine klinisch signifikante Verbesserung des myastheniespezifischen Scores zu Aktivitäten des täglichen Lebens (MG-ADL) – wurde in der doppelblinden Studienphase erreicht. Zusätzlich zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Muskelkraft, gemessen anhand des quantitativen Myasthenia-gravis-(QMG-)Scores.¹ Die Wirksamkeit hielt in der offenen Verlängerungsphase über einen Zeitraum von mehr als 20 Monaten an.

Nipocalimab ist als Add-on-Therapie zur Standardbehandlung bei erwachsenen und jugendlichen Patienten ab 12 Jahren mit AChR- oder MuSK-Antikörper-positiver gMG zugelassen.

Jenseits der Standardtherapien liegen keine direkten prospektiven Vergleichsdaten zur Wirksamkeit gegenüber anderen in Qualitätshandbüchern beschriebenen Therapieoptionen (z. B. andere FcRn-Modulatoren, Komplementinhibitoren oder B-Zell-gerichtete Therapien) vor.

Die Entscheidung zur Therapie mit Nipocalimab sollte nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung unter Einbeziehung von Krankheitsaktivität, Therapierisiken und möglichen Therapiealternativen individuell auf Basis der Empfehlungen der DGN-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome getroffen werden.

Auf Basis aktueller Studiendaten besteht die Indikation für die Add-on-Therapie mit Nipocalimab bei gMG-Patienten mit positivem Nachweis von AChR- bzw. MuSK-Antikörpern und (hoch-)aktivem Krankheitsverlauf unter Standardtherapie (z. B. Pyridostigmin, Immunsuppressiva, ggf. Thymektomie), d. h. bei Patienten, die weiterhin alltagsrelevante myasthene Symptome aufweisen, kein ausreichendes Ansprechen auf eine hinreichend hoch dosierte und ausreichend lange eingesetzte Immunsuppression zeigen und/oder bei denen eine klinisch relevante Krankheitsaktivität mit Einschränkung der Aktivitäten des täglichen Lebens besteht.

Es wird empfohlen, die Therapieentscheidung in Absprache mit einem in dieser Therapie und mit der Myasthenie erfahrenen Zentrum (z. B. integriertes Myasthenie Zentrum) zu treffen und die Patienten in geeigneten Krankheitsregistern zu erfassen.

Kontraindikationen

Eine absolute Kontraindikation besteht bei…

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff Nipocalimab oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels.
  • Hypogammaglobulinämie bzw. IgG-Mangel < 2 g/l.

Eine relative Kontraindikation besteht bei…

  • Schwangerschaft und Stillzeit.
  • akuten und chronischen systemischen Infektionen.
  • bekanntem oder vermuteten Immundefizienzsyndrom, insbesondere bei deutlich erniedrigten IgG-Serumspiegeln.

Dosierung

Nipocalimab wird als intravenöse Infusion verabreicht. Die Dosierung erfolgt gewichtsadaptiert:

  • Initialdosis: 30 mg/kg Körpergewicht (einmalig)
  • Erhaltungsdosis: 15 mg/kg Körpergewicht alle 2 Wochen

Die Therapie erfolgt kontinuierlich ohne geplante Therapiezyklen. Versäumte Infusionen sollen möglichst zeitnah nachgeholt werden; anschließend ist das reguläre zweiwöchentliche Dosierungsintervall wiederaufzunehmen.

Eine Dosisanpassung bei älteren Patienten sowie bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen ist nicht erforderlich.

Dosis- und Volumenberechnung

Das folgende Schema basiert auf der aktuellen Imaavy®-Fachinformation und wurde entsprechend dem Leitfaden für Dosierung und Anwendung der Firma Johnson & Johnson angepasst.

Dosis- und Volumenberechnung Nipocalimab

Überdosierung

Es liegen keine Daten zu Symptomen im Zusammenhang mit einer Überdosierung vor. In klinischen Studien wurden auch höhere Dosierungen ohne dosislimitierende Toxizität verabreicht. Im Falle einer Überdosierung wird eine engmaschige klinische Überwachung empfohlen.

Pharmakokinetik

  • Nach intravenöser Anwendung ist Nipocalimab unmittelbar systemisch verfügbar. Der Abbau erfolgt über proteolytische Enzyme zu kleinen Peptiden und Aminosäuren und ähnelt dem Abbau von endogenem IgG.
  • Nipocalimab weist eine nichtlineare, konzentrationsabhängige Pharmakokinetik auf.
  • Eine klinisch relevante Beeinflussung der Pharmakokinetik durch Alter, Geschlecht oder ethnische Herkunft ist nicht beschrieben.
  • Spezielle Studien bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen liegen nicht vor; ein relevanter Einfluss wird jedoch nicht erwartet.

Pharmakodynamik

  • Nipocalimab senkt als FcRn-Antagonist die Gesamt-IgG-Konzentration ebenso wie die Konzentration pathogener Autoantikörper vom IgG-Typ. Andere Immunglobulinklassen (IgA, IgM, IgE) werden nicht relevant beeinflusst.
  • Unter kontinuierlicher Therapie kommt es zu einer raschen und anhaltenden Reduktion der IgG-Serumkonzentrationen.
  • Nach Beendigung der Behandlung normalisieren sich die IgG-Spiegel im Verlauf wieder.

Diagnostik || vor Therapiebeginn 

Anamnese und klinische Untersuchung zu möglichen Kontraindikationen

Durch Anamnese und klinische Untersuchung sollten gezielt vor Therapiebeginn mögliche Kontraindikationen, insbesondere Infektionen, ausgeschlossen werden (obligat). Bei aktiver systemischer Infektion ist der Therapiebeginn zu verschieben.

Labor-Basisprogramm

  • Quantitative IgG-Bestimmung vor Therapiebeginn (obligat)
  • Empfohlenes Routinelabor: Differenzialblutbild, Leber- und Nierenwerte

Dokumentierte Aufklärung der Patienten über Therapie und Risiken

Eine standardisierte ärztliche Aufklärung über Nutzen und Risiken der Therapie sowie eine dokumentierte Einwilligung sind vor Behandlungsbeginn obligat. Insbesondere ist auf das erhöhte Infektionsrisiko sowie mögliche infusionsbedingte Reaktionen hinzuweisen.

Vortherapien || Abstand und Maßnahmen

Nipocalimab wurde in den klinischen Studien als Add-on-Therapie eingesetzt. Eine Unterbrechung der Standardtherapie ist im Regelfall weder notwendig noch sinnvoll. Bei vorausgegangenen oder geplanten IVIG- oder Apherese-Therapien ist der zeitliche Abstand individuell festzulegen.

Während der Infusion

Infusion

Die Verabreichung von Nipocalimab kann zu infusionsbedingten Reaktionen führen. Die Therapie soll daher nur unter entsprechenden Kautelen und Überwachung durch erfahrenes medizinisches Fachpersonal erfolgen (obligat).

Die Initialinfusion erfolgt über ca. 30 Minuten, die Erhaltungsinfusionen über ca. 15 Minuten. Patienten sind während und bis mindestens 30 Minuten nach Ende der Infusion zu überwachen.

Monitoring

Klinisch-neurologische Kontrolle

Vor jeder Gabe sollen Patienten gezielt nach Zeichen einer Infektion befragt und klinisch untersucht werden (obligat). Zur Verlaufsbeurteilung wird die regelmäßige Erhebung des MG-ADL-Scores empfohlen (obligat); ergänzend kann der QMG-Score eingesetzt werden (fakultativ).

Labor-Basisprogramm

Regelmäßige quantitative IgG-Bestimmungen werden empfohlen. Weitere Laboruntersuchungen erfolgen in Abhängigkeit von Begleiterkrankungen und Komedikation.

Während der Therapie

Schwere myasthene Exazerbationen oder myasthene Krisen, die unter Nipocalimab-Therapie auftreten, können jederzeit gemäß den etablierten Standards mittels IVIG, Plasmapherese oder Immunadsorption behandelt werden.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit

Die Anwendung von Nipocalimab während der Schwangerschaft und Stillzeit sollte grundsätzlich vermieden werden. Allerdings zeigt eine aktuelle Studie, dass Nipocalimab bei Schwangeren in einer klar definierten Hochrisikosituation (schwere hämolytische Erkrankung des Feten und Neugeborenen) eingesetzt werden kann und dabei sowohl ein klinischer Nutzen für den Fetus beobachtet wurde als auch bislang keine relevanten Sicherheitsbedenken für Kind oder Mutter erkennbar sind. ² Die Übertragbarkeit auf andere Indikationen wie Myasthenia gravis muss jedoch sehr vorsichtig bewertet werden. Eine Therapie und insbesondere deren Fortführung erscheint daher vertretbar, sollte aber nur nach strenger individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und unter enger Überwachung von Mutter und Fetus erfolgen. Gemäß regulatorischen Empfehlungen sollten Frauen im gebärfähigen Alter über eine wirksame Kontrazeption während der Behandlung mit Nipocalimab informiert werden (obligat). Gleichzeitig kann das Medikament in ausgewählten Schwangerschaftssituationen (s. o.) nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung gezielt eingesetzt werden.

Impfungen

Impfungen sollten gemäß STIKO-Empfehlungen erfolgen. Lebend- oder attenuierte Lebendimpfstoffe sind unter laufender Therapie nicht empfohlen.

Infektionen

Aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos ist eine besondere klinische Wachsamkeit erforderlich. Bei Infektzeichen sind unverzüglich diagnostische und therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Dauer der Therapie

Die generalisierte Myasthenia gravis ist eine chronisch verlaufende Erkrankung. Die Therapie mit Nipocalimab kann langfristig fortgeführt werden, sofern ein klinischer Nutzen besteht und die Behandlung vertragen wird. Die Therapie sollte regelmäßig unter Nutzung der einschlägigen Scores (Mg-ADL, QMG, MGC und/oder MG-QoL15r) reevaluiert werden.

Patientenaufklärung

Die DMG stellt einen Patientenaufklärungsbogen zur Therapie mit Efgartigimod für Sie bereit. Diesen können Sie hier herunterladen.

Fußnoten

  1. Antozzi C, Vu T, Ramchandren S, Nowak RJ, Farmakidis C, Bril V, De Bleecker J, Yang H, Minks E, Park JS, Grudniak M, Smilowski M, Sevilla T, Hoffmann S, Sivakumar K, Suzuki Y, Youssef E, Sanga P, Karcher K, Zhu Y, Sheehan JJ, Sun H; Vivacity-MG3 Study Group. Safety and efficacy of nipocalimab in adults with generalised myasthenia gravis (Vivacity-MG3): a phase 3, randomised, double-blind, placebo-controlled study. Lancet Neurol. 2025 Feb;24(2):105-116. doi: 10.1016/S1474-4422(24)00498-8.
  2. de Winter DP, Moise KJ, Ling LE, Oepkes D, Tiblad E, Joanne Verweij EJT, Smoleniec J, Sachs UJ, Bein G, Kilby MD, Miller RS, Devlieger R, Streisand JB, Bredius RGM, Cafone J, Lam E, Leu JH, Mirza A, Nelson RM, Smith V, Schwartz LB, Tjoa ML, Saeed-Khawaja S, Komatsu Y, Lopriore E.Infant Immunity after Maternal Nipocalimab in Severe Hemolytic Disease of the Fetus and Newborn. NEJM Evid. 2026 Feb;5(2):EVIDoa2500097. doi: 10.1056/EVIDoa2500097

Autoren

  • PD Dr. med. Robert Rehmann

    Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum

  • PD Dr. Felix Kleefeld

    Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum

  • Univ.-Prof. Dr. med. Gerd Meyer zu Hörste

    Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster

  • PD Dr. med. Jana Zschüntzsch

    Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Göttingen

  • Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Meisel

    Klinik für Neurologie, Charité- Universitätsmedizin Berlin
    Neuroscience Clinical Research Center

  • Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Ruck

    Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum

Autoren

PD Dr. med. Robert Rehmann

Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum

PD Dr. Felix Kleefeld

Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum

Univ.-Prof. Dr. med. Gerd Meyer zu Hörste

Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster

PD Dr. med. Jana Zschüntzsch

Klinik für Neurologie, Universitätsmedizin Göttingen

Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Meisel

Klinik für Neurologie, Charité- Universitätsmedizin Berlin
Neuroscience Clinical Research Center

Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Ruck

Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil gGmbH, Bochum